Thursday, November 12, 2015

Nur Spiegel

Was siehst du, wenn du in den Spiegel siehst?Ist es die erfolgreiche Frau? Ist es der überarbeitete Familienvater? Ist es der etwas pummligere Junge?

Was auch immer du siehst - es ist nur dein Spiegelbild. Es ist nur Haut - deine Haut - die du da betrachtest, es sind nur körperliche Abfallprodukte, die Haare und Co bilden, es sind nur Knochen, Fett und Muskeln, die deine Statur bilden. Und es ist nur dein Kopf, der dir sagt, ob dir das, was du siehst, gefällt oder nicht.

Wem also sein Spiegelbild nicht gefällt, dem müsste man also nur den Kopf ausschalten. Die Versuche dazu führten in der Vergangenheit für gewöhnlich zum Tod und auch heute im 21. Jahrhundert ist man keinen Schritt weiter.

Was also, wenn du vorm Spiegel stehst und dich zwar siehst, aber dein Kopf strikt dagegen ist, was du da anschaust? Wenn dein Kopf dir sagt, dass da etwas nicht stimmen kann? Wenn Herr Kopf immer wieder mit der Faust auf den Tisch haut und rumbrüllt, was dass denn für eine Sauerei ist? Wer "da oben" bei der Körpervergabe wieder mal geschlafen hat?

Nun, dann hat man ein Problem, das mit keinem "nur" der Welt verringert werden kann. Und ich habe seit ich in die Pubertät kam, ein Problem mit dem, was ich im Spiegel sehe.

Als ich klein war, waren es ja nur die Eltern, die mich angezogen haben, das würde sich ja ändern, wenn ich erwachsen wäre und selbst entscheiden könne, was ich anziehe. 
Als ich älter wurde, wussten meine Tanten und Verwandten ja nur nicht, was sie einem Mädchen sonst schenken sollten. Ich war sicher, dass sie es nicht böse meinten, aber enttäuscht, dass sie mich so wenig kannten. Das würde sich schon noch ändern, wenn ich älter war, ich konstant in meiner "Phase" geblieben war und sie es aufgegeben hätten, wenn sie sich vielleicht sogar die Mühe gemacht hätten, sich nicht nur mit meinem Äußeren, sondern auch mit mir als Mensch abzugeben. Bis heute ist dergleichen in meiner Verwandtschaft nur sehr spärlich passiert. Ich bin wohl eine so schillernde Persönlichkeit, dass es den Rahmen ihrer sorgsam gehüteten Normalität und Perfektion eh schon sprengt. Da muss man nicht auch noch mehr damit zu tun haben.
In der Grundschule zeigte mir mein Spiegel nur, was ich nach außen lebte: dass ich nichts auf mein Äußeres gab, dass ich nichts Besonderes war.
Die Zeit in der ersten weiterführenden Schule war ich einfach nur verrückt. Ich würde mich bestimmt festigen, mich irgendwann akzeptieren können, irgendwann vielleicht sogar Schönheit im Spiegel entdecken.
Auf dem Weg zum Abitur dachte ich nur, ich wäre glücklich, sogar verliebt. Mein Spiegelbild war nicht länger meines, jemand anderes stand dort, jemand anderes der nur seiner Liebe gefallen wollte. Ich wusste nicht mehr, wer ich war. Es waren immer nur die anderen, die mir sagten, wie ich zu sein hatte.

Und du? Kennst du die Person, die da vor dir im Spiegel steht? Warst du mutig genug, egoistisch genug, nicht auf andre zu hören? Deinen eigenen Weg zu gehen, notfalls über Leichen? Falls ja - lass dir von mir gratulieren, denn ich bin es nicht.

Ja, ich bin ein Mann. Aber nein, weder mein Spiegel noch irgendjemand sonst wird mich je so sehen können. Deswegen bin ich in Therapie.

Einen Ergänzungsausweis werde ich mir bei Gelegenheit holen. Um wenigstens eine Sache zu haben, wo ich so erscheine wie ich bin.

Eine Hormonersatztherapie kann ich nicht machen. Spätestens wenn sich meine Stimme ändert, müsste ich in der Arbeit und bei meiner Familie sagen, was Sache ist. 
Mich in der Arbeit zu outen, dafür bin ich zu feige. Ich habe in meinem Leben bereits genug peinliche Dinge durchkämpfen müssen (wie mein Outing, dass ich homo bin), wie steh ich denn dann da? Ich kann die abwertenden, abfälligen Gedanken der Leute förmlich spüren. Assozial, werden sie denken, verrückt, durchgedreht, (psychisch) krank. Sie würden es weder zeigen noch sagen, einigen wäre es auch egal, aber die Peinlichkeit! Gott, man stelle sich die Peinlichkeit vor! Der Tag 0, an dem ich meine Chefin um ein persönliches Gespräch bitten müsste und ihr sagen müsste, dass sie mich all die Jahre nicht gekannt hat und ich einer dieser Spinner bin, die sich einen anderen Körper wünschen. Gott!!! Allein beim Gedanken daran möchte ich im Erdboden versinken! Oder der Tag 1, wo ich dann zu meinem Bereichsleiter gehen müsste und zu meinem Direktor und OH MEIN GOTT. Ich will auf der Stelle hier und jetzt mitsamt Schreibtischstuhl im Boden versinken! Und nein, der Geistesblitz, dass ich dann mit meinen KollegEN aufs Männerklo mitmüsste, macht es nicht besser. Mir ist gerade so heiß vor Scham, dass ich ganz nassgeschwitzt bin. Das ist nur einer der Gründe, warum ich einfach keine HET machen KANN.
Hinzu kommt meine Familie, die dieses Jahr gesundheitlich sehr viel durchmachen musste, die heftiger Belastung ausgesetzt war - vor allem meine Mutter. Sie ist so stolz auf mich, so wie ich bin und sie hat mich gern, wie ich bin. Wenn ich sehe, wie gut sie es findet wo ich stehe im Leben, bestätigt mich das darin, dass ich zumindest teilweise ein wenig etwas richtig gemacht haben muss. Ihr sagen zu müssen, dass sie das Einzige verliert, worauf sie stolz ist, würde nicht nur mein Herz brechen. Ich habe Angst, sie damit zu vernichten, sie für immer zu verlieren. Ich weiß aufgrund meines homo-outings, dass sie kein sehr offener Mensch ist und immer erst sich selbst anzweifelt. Es ist abzusehen, dass sie erneut wie damals reagieren wird und mich mindestens ein Jahr verstoßen wird. Wenn nicht sogar schlimmeres geschieht, ihre schlaflosen Nächte sie nicht sogar zum Schlimmsten treiben - sie ist sehr, sehr, sehr sensibel, beinahe zerbrechlich. Ich will mich nicht in den Mittelpunkt drängen, die Genesung meines Papas hat momentan oberste Priorität - seine Reaktion kann ich übrigens überhaupt nicht einschätzen, aber ich denke auch er würde sich fühlen, als wäre ich gestorben. Nein, dass kann ich keinem krankem Mann antun. So herzlos bin ich nicht.
Auch ein Punkt gegen die HET ist, dass man angeblich teilweise sehr schlimm Akne bekommt und bestialisch stinkt, Aggressionsausbrüche hat. Ja, ich gestehe: ich bin ein sehr oberflächlicher Mensch und sollten diese Dinge eintreten, würde ich mich bis es vorbei ist nicht mehr aus dem Haus trauen. Und man ist ein Leben lang abhängig von den Fremdhormonen, die eigentlich genau so wenig zu einem gehören wie der eigene Körper.
Noch ein Grund ist meine Freundin, die Bärte absolut hasst. Männer übrigens auch. Und ich muss ganz ehrlich sagen... wenn ich schon einen Bart hätte, dann hätte ich einen PRÄCHTIGEN Bart, einen, der mindestens eines Thorin Eichenschild würdig wäre! Das wäre ja sonst, wie wenn man seidige, dichte, tolle, lange Haare hätte und immer mit einer billigen Kurzhaarperücke rumläuft!
Klar, ich hätte schon gerne das Fett von der Hüfte und mehr Muskeln - aber das Stelle ich wegen oben genannter Gründe lieber hintenan und versuche mit Krafttraining gegen meinen Körper vorzugehen.

Von all den geschlechtsangleichenden Operationen, die es gibt, ziehe ich für mich nur die Mastektomie in Betracht und das ist momentan auch das Einzige, was mir wirklich wichtig ist. Ich kann nicht vollständig werden, was ich bin. Aber ich kann diesen völlig überflüssigen, wabbligen Milchaufsatz loswerden, der mir leider gratis Nachgeschickt wurde. Dann könnte ich zumindest wieder atmen und hätte kein Herzrasen/Enge in der Brust mehr, das würde den Fehler des schlafenden Mannes in der Körpervergabe-Stelle "da oben" so weit ausgleichen. Ich mein, man stelle sich vor - ich bräuchte mal nicht diese zwei idiotischen Stoff-Dreiecke auf der Brust beim Schwimmen! Ich müsste nicht gehen wie Quasimodo, damit auch ja kein Ansatz eines schlabbrigen Fetthügels sich durch den oberen Teil meines Oberteils drückt! Meine Wirbelsäule könnte wieder leben! Ich könnte mich beim Sex sogar mal ausziehen! Zustände wie im Paradies! Was für andere selbstverständlich ist, wäre für mich ein neues, glücklicheres Leben.
Natürlich habe ich Angst, dass die OP schief läuft. Natürlich habe ich Angst, dass ich danach vielleicht noch mehr leiden muss als eh schon. Aber wer nie etwas versucht, wird auch nie etwas gewinnen, nicht wahr? Und was hätte ich schon zu verlieren? Selbst wenn meine Brust hässlich wird, würde sie flach sein. Und allein das wäre schon ein neues Leben.

Dafür kommt eine Namens- und Personenstandsänderung überhaupt nicht für mich in Frage. Man lese hierzu ab dem unerstrichenen "outen" nach, warum dem so ist.

Und du? Was hältst du nun von mir? Nichts Halbes und nichts Ganzes, wirst du dir denken, ja. Weder noch. Aber mit dieser Lösung enttäusche ich weder mich, noch diejenigen, die mir wichtig sind.

I'm a lion and now it's fight-time!

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